Die Totgeschwiegenen

Sechsunddreißig Jahre sind seit der islamischen Revolution 1979 und der Ausrufung der Velayate Faghih durch Khomeini vergangen. Sechsunddreißig Jahre voller Furcht, Elend und Tyrannei. Eine Epoche, die noch ihr Ende sucht, eine Epoche voller Flecken, dunkler Zahlen und ausgerissenen Seiten. Man fragt sich, wo es anfing und wo es aufhören wird oder, ob es hätte verhindert werden können. Nur langsam wird der Welt, wie auch den Iranern das Ausmass dieser Schreckensherrschaft klar. Das Massaker der 80er, die Erstickung der grünen Bewegung und die unzähligen von der IRI verübten Anschläge sind nur ein Bruchstück dessen, was die IRI an Gräueltaten beging. Abertausende fielen dieser Regierung zum Opfer und unzählige werden noch ihr Leben lassen müssen, damit das Ganze ein Ende findet.

Dieser Artikel soll sich einem weiteren dunklen und verschleierten Kapitel der IRI Politik widmen. Es eröffnet eine Seite über die Verfolgung eines Volkes, welches seit 2700 Jahren in Iran ansässig ist, an ihrer Gründung mitgewirkt hat, sie bildete und stets ein gutes Verhältnis mit ihr pflegte. Ein Volk, welches jedoch in der islamischen, wie auch christlichen Welt seit jeher verhasst ist. Ihre Opfer wurden bis jetzt von vielen totgeschwiegen und viele leugnen noch heute teils aus Unwissen und teils aus propagandistischen Gründen die Situation in der sich dieses Volk befindet.

Das verhasste Volk

Der Antijudaismus ist in der islamischen Kultur und Welt fest verankert. Auch in Iran ist diese Art des Rassimus‘ weit verbreitet und hat sich mit der täglichen Propaganda und Indoktrination seitens der islamischen Herrscher in den Köpfen der Iraner eingeschmuggelt. Abgesehen von den ganzen Anti-Israel Demos, Flaggen-Verbrennungen oder Tod-Israel-Rufen ist sie auch im täglichen Leben anzutreffen. Auch vermeintlich säkulare Iraner sind betroffen. Man würde fast schon meinen es wäre in den Genen verankert, aber dem ist nicht so. Es fängt nämlich bei der Erziehung an und manifestiert sich erst mit der Festigung einer politischen Meinung im Jugendalter. Auch in unserer areligiös-atheistischen Familie wurde uns Kindern der Jude als hinterlistige, geizige und räuberische Person beschrieben. Am folgenden Satz erinnere ich mich noch genau: „Vertraue keinem Juden, denn sie kommen in dein Haus, geben sich als Freund und Helfer aus, um dir dann alles zu nehmen“. Solche Sätze bleiben bei einem Kind indirekt hängen und es ist dann schwer im höheren Alter von diesem Bild des Juden loszulassen. Antisemitismus und Antizionismus ist bei älteren Iranern sozusagen dann vorprogrammiert und wegen den Ressentiments sind jegliche rationale Diskussionen unmöglich. Auch ich, obwohl nicht ganz so extrem war zu meiner anfänglichen Jugend ein Antizionist und auch antisemitisch eingestellt. Nur mit viel Mühe und gründlicher Recherche, Überprüfung der Quellen und zum Teil durch Überwindung meiner Selbst konnte ich die Vorurteile beiseite legen.

In der persischen Sprache werden für Jude die Begriffe Yahud (Religion) oder Johud (Volk) verwendet. Dabei bedeutet Johud umgangssprachlich auch soviel wie Memme, was auch auf antisemitisches Gedankengut zurückzuführen ist. In islamischen Ländern, wie Iran werden Juden außerdem als unrein „najes“ bezeichnet, deshalb auch meidet man den Kontakt mit ihnen (Videoausschnitt Jews of Iran). Als ich vor zwei Jahren wieder mal in die Heimat zurückkehrte und Isfahan besuchte, traf ich auf einen etwa zwölfjährigen Jungen mit knall-orangen Haaren, Sommersprossen und blauen Augen, welcher auf einer Treppe sass und womöglich die Zeit totschlug. Da kam mir ein alter, kleiner Herr entgegen und brüllte mir auf Persisch mit einem weiten Grinsen ins Gesicht: „Sieh her, das ist ein Jude“, so im Sinne „siehst du wie der aussieht? Der ist nicht wie wir, er ist ein Aussenseiter“.

Wo noch die Juden in der säkularen Pahlavi-Zeit ein relativ gutes Leben führten und wirtschaftliche und politische Spitzenpositionen innehatten, verschlechterte sich die Lage dieser während der islamischen Revolution drastisch. Der Antisemitismus erlebte in dieser Zeit eine Wiedergeburt und wurde nun durch den Antizionismus neu begründet. Jedoch war es nicht so, dass die Iraner während der Shah Zeit den Antisemitismus abgelegt hätten. Das Fundament war zwar zerkratzt, aber nicht zerstört, deshalb auch konnte wieder darauf aufgebaut werden. So pflegte zwar der Shah Beziehungen mit Israel, aber hinterher beschuldigte er die Juden einer Verschwörung (Interview Shah1. Anderes Beispiel, das sich in der iranischen Gesellschaft abspielte, war „als zum Beispiel iranische Juden während den asiatischen Meisterschaftsspielen in Teheran der 70er Jahre zum Spiel der iranischen Nationalmannschaft gegen Israels Team auf Seiten des Iran mit iranischen Nationalflaggen auftauchten und sie von einem Mob zusammengeschlagen und die Flaggen ihnen abgenommen wurden, nach dem Motto „ihr seid keine gleichwertigen Bürger also dürft ihr auch unsere Flagge nicht schwingen“.“ [1]

                                                                                                                                                                                                              

Der Fall Habib Elghanian oder wie die Juden zu „Zionisten“ wurden

Die Geschichte zeigte uns, dass sich die Juden sogar in schwersten Zeiten der Unterdrückung stets anpassten. So wurden sie in Iran unter der Herrschaft der türkischen Qajaren in Ghettos versetzt, mussten spezielle, gelbe Aufnäher tragen und waren durch die etlichen Massaker dem Untergang nahe 2.  In Ländern, wo sie Freiheiten und Gleichberechtigung genossen, trugen sie wesentlich zum Wohlstand und Fortschritt des Landes bei. Die Juden brachten große Männer und Frauen hervor. Namen wie Einstein, Freud, Marx oder Zuckerberg veränderten unsere Welt. Auch in Iran waren die Juden einerseits Kulturträger und anderseits intelligente Unternehmer, Ökonomen und Wissenschaftler, welche die Wirtschaft ankurbelten. Das Baumfest oder Tu BiShvat genannt, ist beispielsweise ein von den Juden übernommenes persisches Fest (Shabe Cheleh), welches noch in seiner Urform praktiziert wird und frei von islamischen Bräuchen ist 3. Unter Muslimen wurde das Musizieren für viele Jahrhunderte verboten und als unrein bezeichnet. Juden jedoch führten die Tradition fort und es ist womöglich ihnen zu verdanken, dass die traditionelle persische Musik nicht ausgestorben ist 4. (Jüdisches Instrumentengeschäft Iran)

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Iranische Juden beim Spielen, Vahid Salemi

In der Pahlavi Epoche betrug die Anzahl iranischer Juden noch 100’000 5. Damit hatte Iran die achtgrösste jüdische Gemeinschaft der Welt.  Die Menschen dieser lebendigen Gesellschaft gehörten meist der oberen Mittelschicht an, so auch der Businessman und Präsident der Jüdischen Gemeinschaft Habib Elghanian, welcher 1959 die Plastikmanufaktur Plasco gründete und durch diese erfolgreich wurde. Habib Elghanian spielte eine große Rolle bei der Beschaffung westlicher Güter und war in dieser Hinsicht ein hervorragender Händler zwischen dem Westen und Iran. Sechshundert der 10’000 iranischen Physiker und zwei der achtzehn wissenschaftlichen Akademiker waren Juden, um nur Beispiele zu nennen. Insgesamt lag die Armutsrate bei iranischen Juden nur bei 1%. Dieser Erfolg wurde mit der islamischen Revolution 1979 zunichte gemacht. Habib Elghanian wurde während dieser Zeit festgenommen und für schuldig befunden unter anderem Geschäfte mit dem „Feind Gottes“ (Israel) geführt zu haben und daraufhin hingerichtet 6. Zwar gilt in der öffentlichen Meinung der Fall Habib Elghanian als Ursache der Auswanderung der iranischen Juden, aber auch hier wurde die damalige Sachlage nie richtig dokumentiert. Denn Habib Elghanian blieb kein Einzelfall. Fälle wie die von Ruhollah Kadkhodah-Zadeh oder Ruben Melamed spielten genauso eine wichtige Rolle. Nach bisherigen Recherchen wurden ab dem Jahr 1979 bis heute 13 Juden getötet 7. Zahllose wurden unbegründet festgenommen und gefoltert und viele von ihnen enteignet. Meine Familie mütterlicherseits war während der Shah-Zeit Haushalter eines jüdischen Großunternehmen und durfte diesbezüglich auch dort wohnen. Mir wurde erzählt, dass die jüdische Familie während der Revolution ohne Hab und Gut flüchten musste und mein Großvater beschuldigt wurde für Juden gearbeitet zu haben. Er konnte die Beschuldigung abwenden und entkam nur knapp einer Verhaftung. Auch öffentlich wurden die Juden gehetzt und diskriminiert. Sie wurden gezwungen andere öffentliche Toiletten und Trinkbrunnen zu benutzen.  Die Synagogen waren damals vollgeschmiert mit Sätzen wie „Kikes get lost“ oder „Death to the Jews“ 8 9.  All diese Geschehnisse waren Grund für die darauffolgende Auswanderung. Die meisten iranischen Juden leben heute in Kalifornien oder Israel und nur wenige von ihnen blieben. Offizielle Zahlen tendieren zwischen 8000 und 10’000 Juden 10, welche größtenteils auf die Städte Teheran, Isfahan, Shiraz und Kermanshah verteilt sind.

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„Der, der keine Almosen gibt, stirbt wie ein Jude“, Courtesy

Nach der Revolution

Nach der Hinrichtung Elghanians bemühten sich die Juden eine Eskalation zu verhindern und trafen sich mit dem Revolutionsführer Khomenei, der dann offiziell die iranischen Juden in seiner Rede anerkennt und eine Fatwa erlässt, indem er die Muslime auffordert die iranischen Juden zu schützen. In der Praxis wird dies nur bedingt umgesetzt. Zwar dürfen die Juden ihre Religion ausüben, Synagogen betreiben, ihre Feste feiern oder auch koscheres Essen verkaufen, aber auf der anderen Seite leben sie ein Leben im Dhimmitum. Sie sind damit in ihrer Freiheit sehr eingeschränkt. „Juden ist es zwar gesetzlich nicht verboten im öffentlichen Dienst tätig zu sein, aber da der Staat nur Muslime einstellt, die ein Sharia-Test absolviert haben, sind die Juden wieder von diesen Tätigkeiten ausgeschlossen. Juden werden darüberhinaus nicht für das Postgraduales Studium zugelassen, so, dass sie keinen höheren akademischen Grad erreichen können. Die Geldtransaktionen der iranischen Juden werden vom iranischen Staat überwacht, wie auch sonst alle ihre Aktivitäten.“ [2] Noch immer werden iranische Juden bezichtigt mit „Zionisten“ zusammenzuarbeiten, so wie im Fall Isaac Amin, welcher im Jahre 2008 festgenommen und gefoltert wurde. Was auch noch auffällt, ist die hohe Anzahl muslimischer Holocaustleugner. Für diese Gemeinschaft wurde 2006 in Iran ein Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb organisiert, welcher in der Welt für Aufruhr sorgte. Um politische Korrektheit kümmern sich die IRI Parlamentairer auch nicht, so sagte der heutige stellvertretende Minister von Kultur und Presseangelegenheiten Mohammad-Ali Ramin 2006: „Juden sind ein dreckiges Volk, dies ist der Grund, warum man ihnen durch die Geschichte hindurch vorgeworfen hat, für die Verbreitung tödlicher Krankheiten und Plagen verantwortlich zu sein.“ [3] Auch außenpolitisch blieb die IRI Regierung nicht untätig. So vermutet man den Iran hinter den beiden Attentaten in Argentinien. Vor allem das zweite Attentat 1994 auf das AMIA-Gebäude der jüdischen Gemeinschaft, indem 85 Menschen ums Leben kamen, erschütterte die Welt und löste Panik aus 12. Der Jurist Alberto Nisman, welcher bei diesem Fall ermittelte, erhob Anklage gegen mehrere Vertreter der IRI Regierung und beschuldigte hochrangige argentinische Funktionäre, dass sie die Aufklärung des Terrorattentates zu verhindern versuchten und gleichzeitig den mutmaßlichen iranischen Drahtziehern Straffreiheit gewähren wollten. Er wurde am 18. Januar 2015 vor seiner Anhörung erschossen aufgefunden. Zwar ist nicht klar, ob er ermordet wurde oder Suizid beging, jedoch könnte auch hier die IRI seine Finger im Spiel haben 13.

Zusammengefasst ist das ganze Ausmass der IRI-Politik noch nicht wirklich dokumentiert und es ist dementsprechend schwer dies zu analysieren. Dennoch lässt dieser Sachverhalt erahnen in welch einer Situation sich die iranischen Juden befinden. Einiges erinnert uns an unsere eigene dunkle europäisch-christliche Geschichte, anderes wiederum ist uns neu. Leider, so sehen wir, ist auch der Iran von dieser antisemitischen Plage befallen. Nur durch Aufklärung lassen sich Hass und Vorurteile abschaffen. So ist es unsere Aufgabe der neuen Generation der Iraner, wie auch der Welt Klarheit zu verschaffen, um die Wiederholung solcher Fehler entgegenzutreten.

Von Simorgh

Quellen

https://www.youtube.com/watch?v=jsTxfH6tnww

https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_Jews_in_Iran#Safavid_and_Qajar_dynasties_.281502to_1925.29

https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_festivals_in_Iran#Jewish

https://www.youtube.com/watch?v=ZmGGyZGKAXo

https://en.wikipedia.org/wiki/Persian_Jews#Pahlavi_dynasty_.281925.E2.80.931979.29

https://en.wikipedia.org/wiki/Habib_Elghanian#Arrest_and_execution

7 8 11 http://forward.com/culture/212745/how-iranian-jewish-women-started-a-writers-revolut/

http://www.myjewishlearning.com/article/jews-of-iran-a-modern-history/

10 https://de.wikipedia.org/wiki/Juden#Demografie

12 http://www.theguardian.com/world/2002/jul/23/iran.duncancampbell

13 https://de.wikipedia.org/wiki/Alberto_Nisman

Zitate:

[1], [2], [3] https://tangsir2569.wordpress.com/israel/iranische-juden/

Bilder

vosiznelas.com

ww2.hdnux.com

jpost.com

Weitere Links:

http://abcnews.go.com/International/story?id=83270&page=1

http://www.jewishjournal.com/articles/item/hide_n_seek_no_childs_game_in_fleeing_iran_20080903

http://www.theguardian.com/world/2007/jul/12/israel.iran

http://www.jpost.com/Middle-East/Iranian-Jews-murdered-trying-to-flee-to-Israel-Mossad-reveals-410346

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3 Kommentare zu „Die Totgeschwiegenen

  1. Danke dir faehrtesuche für diesen Kommentar.
    Freut mich, dass es dein Interesse geweckt hat.
    Auf Deutsch habe ich keinen guten Artikel über die tatsächliche Lage der iranischen Juden gefunden und im Internet ist es schwer überhaupt etwas dazu zu finden. Deshalb habe ich hier versucht das Ganze zusammenzufassen.

    Zumal ist man immer mit diesen Menschen konfrontiert, welche meinen die Juden hätten es prima im Iran, was nicht stimmt. Ihre Aussagen basieren meist auf die Anzahl der iranischen Juden. Sprich mal mit solchen Menschen, dann wirst du sehen, sie nennen dir die Zahl 25’000, was nicht stimmt.

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